Vor Trainingsbeginn: Die eine Frage, die jede Menge Frust vermeidet

Wer mit Sport anfangen möchte, wird oft mit Tipps überhäuft. Besser ist, sich einen Moment Ruhe zu gönnen und sich zu fragen, was man selbst überhaupt will. Menschen sind verschieden, man darf andere Ziele haben als andere Menschen
Eine Frau sitzt entspannt auf dem Sofa, denkt darüber nach, was ihr Fitnessziel sein könnte. Sie stellt sich vor, es könnte Tanz oder Zumba sein. Der Gedanke gefällt ihr
Astrid Kurbjuweit
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10 Minuten
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Wenn der Entschluss reift, endlich wieder mehr Bewegung in den Alltag zu bringen, ist die anfängliche Motivation oft groß. Man sucht im Internet nach „Sport für Anfänger“, bestellt vielleicht motiviert eine neue Gymnastikmatte, sucht nach Anleitungen und Videos.

Und natürlich findet man viel mehr, als man eigentlich gesucht hat. Man wird sofort von gut gemeinten Ratschlägen regelrecht erschlagen: Pilates ist ein Muss! Tägliches Joggen ist das Beste! Ein hartes Bauch-Beine-Po-Programm bringt die echten Ergebnisse! Etc.

Ehe man sich versieht, quält man sich auf dem Wohnzimmerboden mit Übungen ab, die unangenehm sind, keinen Spaß machen und die man nach zwei Wochen gefrustet wieder aufgibt.

Das ist ein sehr bekanntes Phänomen und führt oft zu dem unguten Gefühl, man sei einfach nicht sportlich genug.

Das Problem dabei ist aber in den seltensten Fällen mangelnde Disziplin. Oft wird einfach nur der zweite Schritt vor dem ersten gemacht. Man stürzt sich sofort auf das Wie (Welche Übung? Welches Gerät?), ohne vorher das Warum zu klären.

Bevor man sich also den Kopf darüber zerbricht, ob die Jahresmitgliedschaft im Fitnessstudio das richtige ist, oder ob ein Fitnessband auch ausreicht. Ob man Hanteln kaufen oder Spazieren gehen soll, um fit werden.

Vorher lohnt es sich, einen Moment ganz entspannt innezuhalten und sich eine grundlegende Frage zu beantworten: Was möchte ich eigentlich ganz persönlich erreichen – und warum?

Erst wenn dieses individuelle Ziel klar ist, lassen sich genau die Aktivitäten, Übungen und Sportarten finden, die wirklich zum eigenen Körper und zum eigenen Alltag passen.

Nur so erspart man sich den Frust, einem vorgegebenen Ideal hinterherzujagen, das gar nicht das eigene ist.

Die Fitness-Falle: Warum allgemeine Tipps oft nach hinten losgehen

Der Fehler vieler Fitness-Ratgeber ist, dass sie von einem Standard-Ziel ausgehen. Meistens ist das Gewichtsverlust oder sichtbarer Muskelaufbau.

Aber nicht jeder Mensch hat dieses Ziel. Nicht jeder, der etwas für seine Fitness tun möchte, will jetzt sofort sein ganzes Leben danach ausrichten.

Wenn man zum Beispiel Mitte 50 ist, strebt man eher selten nach dem Waschbrettbauch, oder der Bikinifigur. Die Prioritäten verschieben sich.

Und überhaupt sind Menschen verschieden, haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was ihre Ziele sind, was sie tun möchten, um diese Ziele zu erreichen.

Wenn man zum Beispiel einfach nur möchte, dass der Nacken nach einem langen Tag am Schreibtisch nicht mehr schmerzt, bringen einem hunderte Kniebeugen überhaupt nichts.

Und auch das neueste ultimative Workout wird höchstens zufällig das richtige sein.

Und wenn das eigentliche Ziel ist, beim Treppensteigen nicht mehr so schnell aus der Puste zu kommen, muss man sich nicht zwingend mit Liegestützen auf dem Boden abmühen. Oder die Übungen machen, die jetzt neuerdings alle machen.

Wer das eigene Ziel nicht kennt, trainiert oft völlig am eigenen Bedarf vorbei. Und verliert logischerweise in der Folge schnell die Lust.

Wenn man sich vorher ein paar Gedanken macht, was man erreichen möchte, und auch, was man gerne tun möchte, dann vermeidet man diesen Frust. Vermeidet man dieses Gefühl, auf der Stelle zu treten, den eigenen Zielen nicht näher zu kommen.

Weg von der Waage, hin zum Alltag: Wie sehen echte Ziele aus?

Oft denkt man beim Thema Sport an große, abstrakte Ziele. Ein durchtrainierter Körper. Eine Fitness, als wenn man 30 Jahre jünger wäre.

Dabei sind es meist die ganz alltäglichen Dinge, die wirklich Lebensqualität bedeuten. Ein gutes Ziel ist immer eines, das den ganz normalen Alltag leichter macht.

Oder das einem ermöglicht, genau das zu tun, was man am liebsten tun möchte.

Wie so ein Ziel aussehen kann? Hier sind ein paar Beispiele, die viel wertvoller sind als jede Zahl auf der Waage:

Morgens ohne diesen steifen, schmerzenden unteren Rücken aus dem Bett aufstehen können.

Den schweren Wasserkasten problemlos und ohne Angst vor einem Hexenschuss in den ersten Stock tragen.

Im Frühling zwei Stunden im Garten arbeiten können, ohne danach tagelang Knie- oder Rückenschmerzen zu haben.

Wieder entspannt auf dem Boden sitzen und mit den Enkeln spielen können. Und danach auch mühelos wieder hochkommen.

Wenn man ein solches, ganz greifbares Alltags-Ziel vor Augen hat, ändert sich plötzlich der gesamte Blick auf das Training. Sport ist dann keine lästige Pflichtübung mehr, um Kalorien zu verbrennen, sondern ein sehr nützliches Werkzeug, um das eigene Leben angenehmer zu machen.

Das ist das eine, das ist Sport, um Ziele im Leben zu erreichen. Aber es gibt auch sportliche Ziele.

Sport als neue Leidenschaft

Viele Menschen haben in ihrer Jugend Sport getrieben, haben Spaß daran gehabt oder auch nicht. Dann kam das Leben dazwischen, Beruf, Familie, dies und das, und für Sport blieb keine Zeit mehr.

Mit den Jahren ist man unfit geworden, und irgendwann fällt einem das auf. Oft passiert das, wenn man in eine neue Lebensphase eintritt.

Vieles, was jahrelang Kraft gekostet hat, ist erledigt. Die Kinder stehen auf eigenen Beinen, beruflich hat man seinen Platz gefunden und plötzlich taucht etwas auf, das lange Zeit absolute Mangelware war: Zeit für sich selbst.

Wer jetzt in sich reinhört und entdeckt, dass Sport etwas ist, was eigentlich eine Leidenschaft hätte sein können, oder vielleicht mal eine war, der kann jetzt die zweite Chance nutzen.

Wenn man sich fragt, warum man Sport machen möchte, dann ist auch sportlicher Ehrgeiz in jedem Alter ein legitimes Ziel.

Wer die Zeit dazu hat, hat auch die Freiheit, Sport so zu betreiben, wie er das möchte. Als Mittel, um ganz konkrete Ziele zu erreichen, oder eben auch als Ziel an sich.

Es gibt keine richtigen und falschen Ziele. Aber es gibt eigene Ziele und solche, die man sich von anderen hat überstülpen lassen.

Für die einen ist und bleibt der Sport ein reines Mittel zum Zweck. Das Ziel ist ein reibungsloser, schmerzfreier Alltag, Energie für den Garten oder die Enkelkinder und das gute Gefühl, morgens ohne steifen Nacken aufzuwachen.

Wenn das der Antrieb ist, reicht ein minimalistisches, pragmatisches Training völlig aus. Es muss nicht viel Zeit kosten.

Für andere öffnet diese neu gewonnene Zeit aber eine ganz andere Tür. Der Sport wird plötzlich zum Ziel an sich.

Vielleicht schnürt man erst nur vorsichtig die Laufschuhe, merkt dann, wie viel Freude die Bewegung an der frischen Luft macht, und steht ein Jahr später strahlend an der Startlinie eines Volkslaufs.

Vielleicht entdeckt man die Lust daran, noch einmal eine völlig neue Sportart zu lernen, sich selbst herauszufordern und zu spüren, was der eigene Körper alles leisten kann.

Das Training ist dann keine lästige Pflicht mehr, um Zipperlein zu bekämpfen, sondern pure Leidenschaft und ein aufregendes neues Hobby.

Beides ist wunderbar und beides hat seine absolute Berechtigung. Es gibt keine richtigen oder falschen Ziele.

Entscheidend ist nur, dass man sich nicht in eine Schublade stecken lässt, in die man eigentlich nicht passt.

Wer eigentlich Lust hat, für einen Wettkampf zu trainieren, wird mit zehn Minuten sanfter Stuhlgymnastik auf Dauer nicht glücklich.

Und wer sich einfach nur den Alltag erleichtern möchte, muss sich nicht von ehrgeizigen Trainingsplänen für Marathonläufer unter Druck setzen lassen.

Je ehrlicher man zu sich selbst ist, in welche Richtung man selbst gehen will, desto treffsicherer findet man das Training, das wirklich Freude macht.

Die 3-Fragen-Methode: Dem eigenen Antrieb auf die Spur kommen

Wie findet man nun heraus, welches Training wirklich das richtige ist? Ein bewährter Weg ist, sich einfach mal mit einer Tasse Tee oder Kaffee in Ruhe hinzusetzen und ganz ehrlich zu sich selbst zu sein.

Um den eigenen Antrieb zu finden, helfen diese drei einfachen Fragen:

1. Wo hakt es im Alltag aktuell am meisten?

Geht einem beim Treppensteigen in den zweiten Stock schnell die Puste aus?

Fühlt sich der Nacken abends hart wie Stein an?

Oder ist es das Aufstehen vom Sofa, das in den Knien zieht?

Genau dort, wo der Alltag anfängt mühsam zu werden, liegt der allerbeste und sinnvollste Ansatzpunkt für den Einstieg.

2. Was möchte man in fünf oder zehn Jahren (noch) problemlos tun können?

Oft ist die stärkste Motivation gar nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft.

Unbeschwert verreisen, die schweren Einkaufstaschen selbst tragen oder mit den Enkelkindern auf dem Teppich Lego spielen.

Vielleicht ist es auch das Ziel, 10 Kilometer am Stück zu laufen, an einem Wettkampf teilzunehmen, die Alpen auf dem Fahrrad zu überqueren. Oder was auch immer.

Wer so ein klares Bild vor Augen hat, weiß genau, wofür ein bisschen Bewegung gut ist. Oder wofür es ein bisschen mehr Bewegung sein muss.

3. Wie viel Zeit und Energie lässt der eigene Alltag realistisch zu?

Es bringt überhaupt nichts, sich ein ambitioniertes Programm von einer Stunde pro Tag vorzunehmen, wenn man nach der Arbeit eigentlich nur noch erschöpft die Füße hochlegen möchte.

Zehn Minuten sanfte Mobilisierung am Morgen sind unendlich viel mehr wert als ein anstrengendes Workout, das man aus Zeitmangel ohnehin ständig verschiebt.

Ehrlichkeit erspart hier Stress und bringt die besseren Ergebnisse.

Man muss nicht von Anfang an ein für alle Zeiten feststehendes Ziel haben. Aber man sollte drüber nachgedacht haben, in welche Richtung es gehen soll.

Dann kann man mal anfangen, mal gucken, wie es läuft, und nach einer Weile wieder über Ziele nachdenken.

Nach dem Warum kommt das Wie: Es gibt immer mehr als nur einen Weg

Ist das persönliche Ziel erst einmal klar definiert, steht der nächste Schritt an: Die Suche nach dem passenden Mittel, um dieses Ziel zu erreichen.

Doch auch hier schnappt oft eine Falle zu. Denn nur, weil man jetzt weiß, was man erreichen möchte, heißt das noch lange nicht, dass man sich dafür auf eine Art und Weise abmühen muss, die man eigentlich furchtbar findet.

In der Fitness-Welt gibt es immer bestimmte Trends, die gerade als das absolute Nonplusultra angepriesen werden.

Geht es beispielsweise um den Wunsch nach einem starken Rücken und mehr Kraft, heißt es aktuell oft: Ab ins Fitnessstudio an die schweren Gewichte!

Doch was, wenn einem laute Studios, Maschinen und Hanteln zutiefst zuwider sind? Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Vorhaben nach drei Wochen wieder im Sande verläuft. Nicht etwa, weil das Ziel falsch war, sondern weil der Weg dorthin einfach nicht zur eigenen Persönlichkeit gepasst hat.

Genau an diesem Punkt ist es wichtig, noch einmal genau in sich hineinzuhören. Die beruhigende Wahrheit ist nämlich: Es führen fast immer viele verschiedene Wege zum exakt selben Ziel.

Einen starken Rücken bekommt man nicht nur an Maschinen im Studio, sondern auch durch sanftes Pilates im eigenen Wohnzimmer, durch regelmäßiges Schwimmen oder durch Übungen mit einem einfachen Fitnessband.

Wer mehr Ausdauer für den Alltag möchte, muss nicht zwangsläufig joggen gehen, wenn die Knie das nicht mögen. Flottes Spazierengehen, Radfahren oder eine fröhliche Tanz-Stunde erfüllen den Zweck ganz genauso.

Die Liste der Möglichkeiten ist damit keineswegs abgeschlossen. Wer Lust hat, kann geradezu unendlich viele Sportarten entdecken, kann alle Übungen der Welt machen (oder sich genau die rauspicken, die ihm Spaß machen), kann Sport, Bewegung, Fitness auch ganz individuell für sich selbst definieren.

Die entscheidende Frage bei der Wahl der Sportart oder Trainingsmethode lautet also immer: Kann ich mir vorstellen, das wirklich regelmäßig und gerne zu tun, oder sträubt sich bei dem Gedanken sofort alles in mir?

Jeder noch so moderne Fitness-Trend darf getrost ignoriert werden, wenn er sich nicht gut anfühlt. Denn nur wenn die gewählte Bewegungsform machbar ist und Freude macht (oder zumindest keine Abwehrhaltung auslöst), bleibt man auch langfristig und erfolgreich dabei.

Fazit: Dein Ziel und Dein Weg

Wenn man sein ganz persönliches Ziel kennt, ändert sich alles. Man kann das riesige, unübersichtliche Angebot an Fitness-Tipps plötzlich ganz gelassen filtern.

Braucht man ein hartes Bauch-Workout, wenn man eigentlich nur entspanntere Schultern haben möchte? Nein.

Muss man Gewichte stemmen, wenn das Ziel einfach nur ein bisschen mehr Puste beim Spazierengehen ist? Ebenfalls nicht.

Das eigene Warum hilft einem dann dabei, das Training tatsächlich immer wieder zu machen, auch an den Tagen, an denen die Motivation auf sich warten lässt.

Wenn man weiß, wofür man etwas tut, fällt das Durchhalten plötzlich viel leichter. Man spart den Frust, sich mit Übungen zu quälen, die für einen selber keinen Sinn ergeben.

Wenn man genau weiß, warum man etwas tut, braucht man auch kaum noch Disziplin. Der Spaß an der Sache selbst ersetzt die Quälerei.

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